Gesunde und befriedigende Sexualität

Mit unserem Körper und unserer Psyche sind wir zum Erleben einer befriedigenden Sexualität geschaffen. Es gibt Grundlagen und Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, uns selbst zu erfahren, Partnerschaften aufzubauen und eine lustvolle Sexualität kennen zu lernen. Sexualität ist selten von Natur aus vollkommen. Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten sind notwendig zum Ausleben einer zufriedenstellenden und lustvollen Sexualität.

 

Das heißt: Grundsätzlich ist die körperliche Bereitschaft vorhanden, und die Psyche stellt die Möglichkeiten zum Erfahren und zum Lernen bereit, die Erfahrungen müssen aber noch gemacht werden.

Viele Menschen sind mit ihrer Sexualität zufrieden, erleben sie lustvoll und haben eine positive Einstellung zu ihrer Sexualität und zu ihrem Körper. Sie besitzen ein gesundes Maß an Egoismus und können ihre  eigenen Bedürfnisse spüren und sich auf ihre Befriedigung  konzentrieren. Sexuell zufriedene Menschen können ihre Bedürfnisse offen in die Beziehung mit dem Partner oder der Partnerin einbringen. Sie fühlen sich für die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse selbst verantwortlich, können über ihre Bedürfnisse sprechen und haben ein gutes Verhältnis von Geben und Nehmen gelernt. Sie beherrschen das Wechselspiel von Aktivität und Passivität und führen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin eine gegenseitige, konstruktive und nicht verletzende Kommunikation.

Zur Verwirklichung einer befriedigenden Sexualität gehören also neben der Fähigkeit zum offenen Austausch über die unterschiedlichen Wünsche das Wahrnehmen der Stimmen des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle sowie das Handeln im Wechselspiel von Geben und Nehmen.

Die meisten Frauen und Männer haben in ihrem Leben den Wunsch nach sexuellem Erleben gespürt, kennen Lust, Sex und sexuelles Interesse. Praktisch alle, die von sich behaupten, dass sie eine gute Partnerschaft und guten Sex hätten, berichten durchweg, dass sie zunächst eine Anzahl von behindernden Ansichten verlernen und vergessen bzw. durch realistischere und konstruktivere Einstellungen und Botschaften ersetzen mussten.

Menschen verhalten sich sehr unterschiedlich. Wie sie sprechen, tanzen, essen, aber auch, wie sie empfinden, ist nicht nur in den Genen begründet. Der Kulturkreis, das familiäre Umfeld, das „Milieu“, die bisherigen Erfahrungen bestimmen mit, was akzeptabel oder was nicht in Ordnung ist, was normal, was nicht normal ist. Das Alter und die gesellschaftliche Eingebundenheit spielen für Geschmacksfragen eine wichtige Rolle.

Im Bereich der Sexualität ist es besonders schwierig zu beurteilen, was normal oder nicht normal, was gestört oder krank ist. Das liegt unter anderem daran, dass Sex meist im Verborgenen stattfindet. Zu einer Bewertung von Sexualpraktiken fehlen in der Regel die für einen Vergleich nötigen Informationen. Solche Vergleiche könnten zwischen Alten und Jungen, zwischen Männern und Frauen, zwischen Frauen und Männern untereinander, zwischen verschiedenen sozialen Gruppen oder Kulturen erfolgen.

Männer erleben ihre Sexualität mit Frauen oder Männern, Frauen erleben ihre Sexualität mit Männern oder Frauen,  ob andere Männer und andere Frauen dabei das Gleiche erleben, weiß man folglich nicht. Vielleicht stellt man sich deshalb manchmal die Frage. „Bin ich normal?“, „Bin ich gut genug?“ 

Das hauptsächliche Wissen über Sexualität erwerben wir zunächst in der Pubertät durch Gleichaltrige, durch eigene Erfahrungen oder heutzutage vielfach durch das Internet, selten übrigens durch unsere Eltern. Gerade die Internetmedien und –foren, insbesondere die pornografischen Filme, sind allerdings oft denkbar schlechte Modelle, dennoch werden dort die meisten Informationen eingeholt, und es wird verglichen. Dabei ist Sexualität so individuell, wie es die Menschen sind. Sie ist persönlich und privat, und auch manches, was moralisch bedenklich ist, kann in Ordnung sein, wenn sich Erwachsene freiwillig, alleine oder gemeinsam, in die jeweiligen Situationen begeben und ihre Sexualität selbstbestimmt leben. Normal für einen selbst ist das, was man gerne und ohne Gewissensbisse tut. Als normal bei anderen empfindet man all das, was einen selbst nicht abstößt. Oft ist die Toleranz in Bezug auf das, was andere tun größer als in Bezug auf das, was man selbst begehrt oder erleben möchte.

Positive Sexualität äußert sich

  • körperlich (zum Beispiel beim Mann: Erektion, Ejakulation, zum Beispiel bei der Frau: Feuchtwerden der Scheide, Orgasmusgeschehen),

  • im Verhalten (Streicheln, Stimulieren, Eindringen, Bewegen, Stöhnen),

  • in den Gedanken (zum Beispiel: Ich darf nehmen, ich darf geben, einfach fallen lassen, Fantasien haben),

  • in den Gefühlen (zum Beispiel Lust, Leidenschaft, Erregung, Entspannung),

  • in der partnerschaftlichen Beziehung (zum Beispiel mit viel Zeit oder einem Quickie, Kommunikation mit Sprechen über Sex, dem anderen Gutes tun, sich verwöhnen lassen)

  • auf gesellschaftlicher Ebene (kultureller Umgang mit speziellen Lebensformen der Sexualität wie Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität, was erlaubt ist,  Vorstellungen über Sexualität).

Beim Mann ist das sexuelle Verlangen ab der Pubertät und den ersten Masturbationen vorhanden. Bis zum 50. Lebensjahr ist das sexuelle Verlangen sehr stark ausgeprägt und kann danach langsam abnehmen. Manche Männer kommen mit zunehmendem Alter in die Wechseljahre, man spricht bei dieser hormonellen Umstellung von der sogenannten Andropause (im Gegensatz zur Menopause, dem Ende der Regelblutung bei der Frau). In der Andropause nimmt die Testosteronproduktion ab und bewirkt manchmal einen Rückgang der Libido beim Mann.

Bei der Frau erwacht die Lust etwas später und steigt mit der Zeit und vor allem mit der Erfahrung stetig an. Die sexuelle Reife ist ungefähr mit 35 Jahren erreicht. In der Menopause sinkt der Östrogenwert, und die Eierstöcke produzieren weniger Testosteron. Doch die Lust nimmt dabei nicht unbedingt ab, da sie nicht nur von körperlichem Geschehen abhängt. Frauen mit einer gewissen Reife haben oft zufriedeneren Sex als junge Frauen.

Zum Thema Selbstbefriedigung. Nicht jeder tut es, und nicht jeder braucht es. Aber es ist absolut natürlich, sich sexuell selbst zu befriedigen, auf die eigene Art und Weise seiner/ihrer persönlichen Wahl.

Und was ist nun guter Sex? Bernie Zilbergeld, ein amerikanischer Sexualwissenschaftler, formulierte es folgendermaßen:

„Sie haben guten Sex, wenn Sie sich mit sich selbst, mit Ihrem Partner und bei dem, was Sie machen, wohlfühlen. Wenn Sie später, nachdem Sie Zeit zum Nachdenken hatten, sich immer noch mit sich selbst, mit Ihrem Partner/ihrer Partnerin und bei dem, was Sie gemacht haben, wohlfühlen, können Sie davon ausgehen, dass Sie guten Sex hatten. Das heißt, es ist eigentlich gar nicht nötig, dass dabei Geschlechtsverkehr oder irgendein anderer Akt oder eine bestimmte Abfolge von Praktiken stattzufinden haben, es braucht sogar nicht einmal zu einem Orgasmus zu kommen und die Aktivität kann ohne zeitliche Vorgabe von ein paar Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern.“

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